Vollwerternährung nicht für jedermann
Es muss wohl an der romantischen Ader der Deutschen liegen, dass
sich eine Ernährungsform wie die Vollwertkost etablieren konnte. Galten
die Pioniere dieser Ernährungsweise ihren Zeitgenossen Anfang des 20.
Jahrhunderts noch als Idealisten oder Sonderlinge, kamen Müslis,
Getreidebratlinge und Rohkostplatten im Gefolge der Ökologiebewegung
der siebziger und achtziger in Mode.
Im Kampf gegen die Zivilisationskrankheiten Bluthochdruck,
Herzinfarkt, Diabetes und Tumoren aller Art sollten Vollkorn,
Rohkostsalate und Obst die heilsamen Kräfte der Natur zum Einsatz
bringen: Vitamine, Spurenelemente, Vitalstoffe, Mineralien und
Ballaststoffe. Die Empfehlung lautete, wenigstens die Hälfte der
täglichen Nahrungsmenge roh zu verzehren, besser noch zwei Drittel –
möglichst in Form von Körnern bei gleichzeitiger Beschränkung von
Fleisch und Verzicht auf „Industrie“-Zucker.
Bäcker klagen
Inzwischen lässt der Enthusiasmus nach – allen Vollwertbackkursen,
aufklärerischen Gesundheitssendungen, Krankenkassenkampagnen,
Ernährungsratgebern und Vollwertkochbüchern zum Trotz. Bäcker klagen,
dass ihre Vollkornbrötchen anfangs zwar bereitwillig gekauft werden, der
Absatz aber nach einigen Monaten nachlässt und auch mit Werbung nicht
mehr gesteigert werden kann. Getreidebratlinge, Vollkornnudeln und
Rohkost finden immer wenige Abnehmer. Warum? Eigentlich hätte sich eine
Ernährungsform mit so vielen gesundheitlichen Vorteilen doch ausbreiten
müssen wie ein Lauffeuer. Aber selbst Frischkornfans der ersten Stunde
geben zu, dass ihnen die Körner schon lange widerstehen. Meist
entschuldigen sie es damit, dass sie mit der gesunden Ernährung „zu
spät“ angefangen hätten.
Trotz wagemutiger Hypothesen, warum die Vollwerternährung so
außerordentlich gesund sein muss, haperte es bisher mit dem Beweis:
Selbst ihre Befürworter waren bisher nicht in der
Lage, den versprochenen Nutzen auch mit klinischen Studien zu belegen.
Während in Einzelfällen, vor allem bei chronisch Kranken, auf die
Kostform eine vorübergehende Besserung auftritt, leiden die meisten
anderen von Anfang an unter heftigen Verdauungsbeschwerden. Sie klagen
über starke, schmerzhafte Blähungen und ungeformte, sinkende Stühle. Für
die Beschwerden sind bakterielle Zersetzungsprozesse im Darm
verantwortlich, bei denen aus nicht oder schlecht verdauter
ballaststoffreicher Kost toxische Gärungsalkohole und biogene Amine
entstehen. Diese schädigen auf lange sicht die Darmschleimhaut und auch
den im Darm beheimateten Teil des Immunsystems. Deshalb ist diese
Ernährungsform für die meisten Menschen auf Dauer ungeeignet oder gar
schädlich.
Böses Erwachen
Für die, die diese Ernährungsform im Namen der Gesundheit mit
zusammengebissenen Zähnen beibehalten, kommt das eigentliche böse
Erwachen Jahre später.
Der Internist und Rheumatologe Professor Karl Pirlet, einer der
ersten, die mit dieser Form der Ernährung experimentierten, beschreibt
seine Erfahrungen mit Vollwertköstlern: „Nach Jahren, eventuell erst
nach 10 bis 20 Jahren, kommt dann der gesundheitliche Zusammenbruch.
Oft ein überraschend früh einsetzender Alterungsprozess, etwa
amateriellen System, am Gelenksystem. Völlig verfahrene Zustände. Ich
erlebe sie jeden Tag für Tag in meiner Praxis. Natürlich will niemand
dann wahrhaben, dass sie doch so gesunde Ernährungsweise vergangener
Jahre verantwortlich sein soll für das jetzt in Erscheinung tretende
gesundheitliche Fiasko.“
Das Problem sieht Professor Pirlet nicht in der naturbelassenen
Nahrung an sich, sondern in den individuell verschiedenen Fähigkeiten,
solche Nahrung zu verdauen. Entsprechend scharf kritisiert er
diejenigen, die die Vollwertkost als ideale Ernährung für alle
anpreisen: „Als diätetischer Therapeut muss ich die komplexen
Zusammenhänge zwischen Nahrungsmittel einerseits und dem verdauenden,
stoff-wechselnden Menschen andererseits kennen. Ich muss um die immer
wieder andere individuelle Konstellation wissen, die ich bei meinem
Kranken antreffe. Wer einen diätetischen Rat geben will, sich aber nur
an der Vollwertigkeit der zugeführten Nahrung orientiert, der handelt
einäugig, der handelt präventiv und therapeutisch unvernünftig. Hier
wird das Konzept der Vollwerternährung Ideologie.“
Seine Empfehlung lautet: „Wer Vollwertkost nachweislich verträgt,
nachweislich einwandfrei verdaut (!), der soll meinetwegen dabei
bleiben. Wer mit Vollwertkost aber nicht zurecht kommt, wer dyspeptische
[Verdauungs-] Beschwerden entwickelt, auch diskreter Art ..., der soll
um Gottes Willen damit aufhören.“
