Was Hänschen nicht kennt,
das isst es auch später nicht
Was dem Kind in den ersten Lebensjahren
passiert, schlägt
unweigerlich auf die ganze Gesellschaft zurück.
Alice Miller
Kindernahrung: Mangel im Wohlstand
Im Ernährungsalltag unserer Kinder herrscht Not mitten
im Wohlstand. Armut ist aber nicht wie in früheren Jahrhunderten die
Ursache. Vielmehr begünstigen Sorglosigkeit, Bequemlichkeit und
Unwissenheit hinsichtlich der kindlichen Bedürfnisse die Mangelernährung
unserer Kinder.
Viele Erwachsene machen sich darüber keine Gedanken,
dass der wachsende kleine Mensch noch dringender als wir Großen eine
ausgewogene Ernährung benötigt.
Denn Herumrennen, Tollen, Radfahren, Lernen, Spielen und
seelische Zufriedenheit sind ohne richtige Erfahrung nicht möglich. In
der Tat aber ist das Essen vieler Kinder miserabel. Je weniger häusliche
Tischgemeinschaft ein Kind erlebt, um so schlechter ist seine Ernährung.
Das zeigen mehrere Studien, die an rund 5000 Kindern und Jugendlichen
verschiedener Schulen in Basel durchgeführt wurden.
Das die Schweizer Industriemetropole nicht zu den
Elendsvierteln dieser Welt gehört, darüber besteht kein Zweifel.
Dennoch, ein Drittel der Kinder und Jugendlichen am schweizerischen
Rheinknie leidet Mangel an lebenswichtigen Vitaminen und Mineralstoffen!
Aber auch deutsche Kinder werden äußerst dürftig versorgt.
Mit einer derartigen Ernährung unserer Kinder wird der
Grundstein für Krankheit und Siechtum gelegt. Während wir heute über
Pflegeversicherungen nachdenken und diskutieren, wobei noch völlig offen
ist, wer denn die vielen chronischen Kranken und Siechen pflegen soll,
welche uns durch die Statistiker angekündigt werden, vergessen wir
verantwortungslosen Eltern völlig, dass Pflegebedürftigkeit nicht erst
im Alter beginnt, sondern durch die Lebensweise in jungen Jahren
entsteht.
Welche Speisen ein Kind später einmal mag und welche es
ablehnen wird, hängt nicht so sehr von den Speisen selbst ab, sondern
vielmehr von dem Drum-und-Dran, das mit dem Essen einhergeht. Also bei
einem Säugling entscheidet vor allem die mütterliche Wärme und Fürsorge,
die das Kind beim Füttern erlebt, welche Nahrungsmittel gerne und welche
ungern gegessen werden. Bei kleinen Kindern zwischen ein und vier Jahren
sind es Rituale und Essenszeremonien, die ihnen Speisen begehrenswert
erscheinen lassen und spätere Speisenvorlieben oder Abneigungen prägen.
Phantasie ist wichtiger als die beste Erklärung.
Als Kinder in einem Münchner Kindergarten von ihrer
heißgeliebten zuckersüßen Limonade auf schwach gesüßten Tee "umsteigen"
sollten, half die Idee einer Mutter. Sie hatte für den verschmähten Tee
lustige, kleine, wiederverschließbare Plastikflaschen besorgt. Seither
wird der früher so langweilig empfundene Tee" voller Begeisterung aus
Pumuckel, Mickymaus und Donald Duck getrunken".
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass
eine Speise, die mit Tabus belegt ist oder die es in der Kinderzeit nur
in geringen Masse zu essen gibt, besonders begehrenswert erscheint,
sobald die Kinder Taschengeld erhalten.
Für die Prägung und prägungsähnliche Lernvorgänge ist
charakteristisch, dass sie in einer ganz bestimmten, dafür vorgesehenen
Entwicklungsphase erfolgen. Speisen also, die dem kleinen Kind, das sich
in einer für die Prägung von Speisenvorlieben sensiblen Phase befindet,
mit angenehmen Umständen "serviert" werden, haben die Chance, ein Leben
lang gemocht zu werden. In späteren Lebensaltern führen andere Umstände
zu Speisenvorlieben und Abneigungen. Bei den Fünf- bis Elfjährigen wird
das Essverhalten vor allem durch den Einfluss anderer Kinder bestimmt.
Besonders einflussreich sind Schulfreunde, aber auch Geschwister, kurz
die "Wortführer". Während der Pubertät zwischen 12 und 17 Jahren
bestimmen zwar noch immer die "Wortführer" den Geschmack, doch auch der
Einfluss der Eltern bekommt wieder Gewicht, jedoch diesmal im Negativen
Sinne. Das Verbotene wird attraktiv, gleichsam als ein Unterpfand für
Unabhängigkeit. Am Ende der Adoleszenz, zwischen 16 und 22, durchlebt
der Jugendliche eine zweite stark prägende Phase für Speisenvorlieben
oder Aversionen. Die Verbindungen zu den Altersgenossen und
"Wortführern" lösen sich in dieser Zeit und damit ihr Einfluss. Die
meisten jungen Leute beginnen ein eigenes Leben, allein oder mit einem
Partner. In dieser Zeit entwickeln sie einen persönlichen Lebensstil.
Leben die jungen Leute zusammen, dann kreieren sie eine
neue "Essenstradition" aus den Traditionen der beiden Familien,
aus denen sie stammen. Überdies werden ganz neue Essgewohnheiten und
Speisenzubereitungen zu Symbolen für die neue Gemeinsamkeit und die
selbst bestimmte Freiheit.

