Alterungsprozess und moderne Medizin
Das Altern ist ein Prozess, der nicht erst in höherem Lebensalter
beginnt, sondern von Geburt an unumkehrbar fortschreitet. Altern
beeinflusst alle Aspekte menschlichen Daseins. Es ist ein biologischer,
psychischer und sozialer Prozess.
Die Alterungsprozesse bedrohen zunächst die
Unabhängigkeit und Lebensqualität des Individuums, im Laufe ihres
Fortschreitens aber auch die Lebensfähigkeit des
Gesamtorganismus. Die moderne Medizin und Pflege können die
Lebensfähigkeit oft noch um Jahre erhalten, häufig allerdings um den
Preis einer deutlichen Minderung der Lebensqualität - man denke etwa an
den Nierenkranken an der Dialysemaschine, den chronisch gelähmten
Patienten nach Schlaganfall oder den dementen Patienten im Altenheim.
Entsprechend sind uns die Bilder an Apparate gefesselter älterer
Patienten geläufig, die qualvoll ihre letzten Lebensmonate durchleben.

Im Gegensatz dazu ergibt sich aus vielen Geschichten und
Legenden der Eindruck, dass die Menschen früher meist "in Frieden"
sterben durften, sozusagen beim Mittagsschlaf auf der Gartenbank vom
Herzschlag getroffen wurden. Dieses Bild entspricht dem idealtypischen
Alterungsverlauf (Linie 5, s. unten) und traf nur für ganz wenige zu:
Zum einen starb die Mehrzahl der Menschen früh, als Säugling, als Kind,
oder Millionen Frauen an den Komplikationen von Niederkunft und
Wochenbett. Zum anderen bedeuteten viele heute behandelbare Leiden
jahrelanges qualvolles Siechtum bis zum Tod: die Herzinsuffizienz und
die Gicht seien als Beispiele genannt.
Richtig ist aber auch, dass es unsere moderne Medizin
trotz ihrer ausgefeilten therapeutischen Möglichkeiten praktisch nicht
geschafft hat, dass die Menschen in Frieden und ohne Leiden sterben
können.

Historische Entwicklung der
Lebenserwartung. Bessere Hygiene, Ernährung und
medizinische Versorgung haben seit dem 16. Jahrhundert
die Lebenserwartung mehr als verdreifacht.
Verschiedene Alterungsverläufe
Linie 1: Stark beschleunigter
Alterungsprozess ab dem 6. Lebensjahr bei der Progerie (vorzeitige
Vergreisung)
Linie 2: Risikofaktoren (Bluthochdruck,
erhöhte Blutfette, Nikotin) führen ebenfalls zu einer schnelleren
Alterung. Nach Akutereignissen (z.B. Schlaganfall) kann durch
therapeutische Intervention eine Besserung der Lebenserwartung und der
Lebensqualität erreicht werden (gestrichelte Linie).
Linie
3: Rasche Funktionsbeeinträchtigung, wie sie für Demenzkranke
typisch ist. Auffallend ist die lange Phase der Behinderung und
Pflegeabhängigkeit.
Linie 4: "Normales" Altern. Bis
ins hohe Alter bestehen nur leichte Beeinträchtigungen. Die Phase von
Behinderung und Pflegeabhängigkeit ist auf wenige Monate beschränkt
(durch medizinische Therapien oft aber erheblich verlängert).
Linie 5: Idealtypischer Verlauf des
Alterns ("in hohem Alter auf der Parkbank friedlich entschlafen")
Biographisches und biologisches Alter
Wie erwähnt, beschleunigen Umweltfaktoren - also
Lebensstil wie auch einschneidende Lebensereignisse (life events)
- den genetisch vorherbestimmten Alterungsprozess. So erklärt sich das
häufig zu beobachtende Phänomen, dass zwei Menschen unterschiedlich
gealtert sind, obwohl sie im gleichen Jahr geboren wurden. Die
Gerontologie unterscheidet daher zwischen biographischem bzw.
chronologischem Altern und biologischem Altern.
Das biographische Alter bezeichnet die am Kalender
ablesbare Alterung eines Menschen. Demgegenüber informiert das
biologische Alter über den aktuellen Gesundheitszustand und die
Belastbarkeit eines Menschen. Zu beachten ist, dass es sich bei der
Festsetzung des biologischen Alters lediglich um einen geschätzten Wert
handelt.

Übersicht über die Abnahme von
Organfunktionen zwischen dem 30. und 75. Lebensjahr.
Kennzeichnend ist nicht nur der zahlenmäßige Funktionsverlust
vieler Organe, sondern auch die generelle Abnahme der
Anpassungsfähigkeit der einzelnen Organsystem mit steigendem
Alter.
Soziales Altern
Der Begriff des biologischen Alterns berücksichtigt
nicht, dass das Alter(n) vom Einzelnen sehr unterschiedlich erlebt wird
und die Lebensqualität im Alter entscheidend von der Familie und vom
sozialen Umfeld, z.B. den Freunden, abhängt.
Traditionelle Rollenerwartungen betonen die Defizite des
alternden Menschen. Sie unterstützen ihn zwar, engen aber faktisch
seinen Verhaltensradius immer weiter ein, so das soziale (wie auch
körperlich-motorische) Fähigkeiten zunehmend verloren gehen. Folge
ist eine Beschleunigung des Alterungsprozesses.
Auch die heute viele Alte belastende Vereinsamung
hat den gleichen Effekt: Besonders kommunikative und soziale
Fähigkeiten werden nicht mehr in Anspruch genommen, verkümmern und gehen
schließlich verloren. Die bei vielen Alten, insbesondere Witwen,
vorhandene (relative) materielle Armut verstärkt den hierdurch in Gang
gesetzten Teufelskreis von Einengung, Isolation und sozialem
Kompetenzverlust, da die verbleibenden sozialen Kontaktmöglichkeiten
(Kaffeekränzchen, Busreisen, Konzerte) Geld kosten. In diesem Sinne kann
in Analogie zum biologischen Altern vom sozialen Altern
gesprochen werden, womit insbesondere der Verlust psychophysischer
Lebenskräfte und damit sozialer Aktionsmöglichkeit gemeint ist.

Warum muss das Altern wohl sein?
Versetzen wir uns einmal in die Lage der Natur.
Überleben kann letzten Endes auf der Erde nur, was sich verbessert. Zur
Verbesserung braucht es aber neue Glieder in der Kette der Generationen.
In einer ökologischen Nische können neue Erbanlagen nicht entwickelt und
durchgeführt werden, wenn nicht Platz dafür geschaffen wird. Es müssen
also die Alten gehen, damit die Jungen zeigen dürfen, was sie können.
Das Altern ist notwendig, damit die die
Evolution überhaupt in Gang
kommen kann und damit neue Arten entstehen können. Ohne das Altwerden
und Sterben wären wir Alten heute gar nicht da.
Schlussbemerkung
Sie sind dieser Entwicklung nicht hilflos
ausgeliefert, denn Sie können definitiv etwas für ein Leben im Alter,
das Gesundheit, Vitalität und Virilität gewährleistet tun.
Denken Sie nach und...
