Die selbstheilende
Kompetenz unseres Körpers berücksichtigen!
Niedrige Vitaminspiegel im Blutplasma werden landläufig als
Mangel interpretiert, obwohl eine ganz andere Erklärung genauso sinnvoll
ist. Jeder Organismus ist stets bestrebt, trotz sich verändernder
Umweltbedingungen ein stabiles inneres Milieu aufrechtzuerhalten. Diesen
Prozess nennt man Homöostase. Gewöhnlich reguliert der Körper die
Blutspiegel durch Erhöhung oder Verminderung von Aufnahme und
Ausscheidung. Deshalb erlauben Vitamin- und Cholesterinspiegel im Blut
in aller Regel keinen Rückschluss auf die „Versorgung“. Viel wichtiger
ist die Frage, warum der Körper in bestimmten Fällen einen niedrigen
oder hohen Wert eingestellt hat.
Krankheiten sind nicht unbedingt Folge einer Unterversorgung
mit lebenswichtigen Stoffen.
Ein schönes Beispiel für die Folgen automatischer Denkschemata ist
der Trugschluss, weite Teile der Bevölkerung litten unter einem
"subklinischen Mangel" an Vitaminen, Spurenelementen oder sonstigen
Inhaltsstoffen unserer Nahrung. Als Beleg müssen gewöhnlich niedrige
Plasmaspiegel herhalten, die mit gewissen Krankheiten korrelieren. Zum
Beispiel haben Raucher niedrigere Karotinspiegel im Blut und erkranken
häufiger an Lungenkrebs. Dies kann a) Zufall sein, b) der Hinweis auf
einen Mangel, der Krebs begünstigt, oder c) eine Schutzreaktion des
Körpers gegenüber der krebsfördernden Wirkung des Vitamins.
Wir sind durch Presse und Vitaminanbieter darauf "geeicht", in
solchen Situationen nur eine Alternative in Erwägung zu ziehen, nämlich
b), die "Mangelhypothese", auch wenn wissenschaftliche
Studien seit Jahrzehnten die Auffassung c) stützen, also die These, dass
sich der Körper davor schützen möchte. Statt sich voreilig auf eine "allgemeine
anerkannte" Antwort festzulegen, sollte man besser alle logischen
Möglichkeiten durchdenken - auch solche, die ungewohnt sind, oder noch
wichtiger, die keinen kommerziellen Nutzen versprechen.
Die Anbieter von Nahrungsergänzungsmitteln bedienen sich ebenso wie
die sogenannten ortholmolekulare Medizin
gern des Denkschemas "b)", um teure Pillen und
Pülverchen an den Mann zu bringen. Der Körper versucht in jeder
Lebenssituation, sich anzupassen, Schaden abzuwenden oder - im Falle
einer Krankheit - Heilung herbeizuführen. Dafür regelt er über die
Homöostase die Konzentrationen wichtiger Substanzen und verändert sie
entsprechend den äußeren und inneren Bedingungen. Es wäre sinnvoller,
bei sinkenden Blutwerten erst einmal nach dem biologischen Zweck zu
fragen, statt gleich einen Mangel zu verkünden. Beispielsweise trachtet
der Körper danach, den Krankheitserregern die für sie lebenswichtigen
Wachstumsfaktoren, zum Beispiel Eisen, zu entziehen. Der Fachmann
hingegen beobachtet, dass eine Infektion mit einem niedrigen
Eisenspiegel einhergeht, und kombiniert: Eisenmangel schwächt das
Immunsystem ...
Für jedes diffizile Problem gibt eine Antwort,
die einfach, logisch - und falsch ist. In einer Gesellschaft, in der
viele Menschen das Gefühl haben, zu kurz zu kommen, fällt eine
Philosophie des "subklinischen Mangels" natürlich auf fruchtbaren
Boden. Nur braucht der Körper niemals von all diesen wunderbaren
Substanzen stets Höchstkonzentration (ein
Auto fährt ja auch mit halbvollem Tank)
- schon allein
deshalb nicht, weil sich viele Stoffe in ihrer Wirkung gegenseitig
aufheben. Dieses biologische Prinzip erlaubt es aber, bei jedermann
einen "Mangel" an irgend etwas zu entdecken, bei jeder Krankheit
des Absinken irgendeines Laborwertes zu beklagen. Daraus folgt eine
vermeintliche Unterversorgung, die natürlich durch Einnahme von
Nahrungsergänzungsmitteln behoben werden kann. Belege eines echten
Nutzen, zum Beispiel durch Interventionsstudien, fehlen in aller Regel.
Mehr über
Vitamine.
Kritik an die Deutsche Gesellschaft für
Ernährung (DGE)
