
Die ersten Säugetiere waren spitzmausgroße, nächtlich
lebende Insektenfresser, die sich wie unser Igel von fetten
Schmetterlingslarven, Engerlingen und Käfern ernährten. Doch nach dem
Tod der Saurier hielten sich die Säuger nicht mehr nur mit Insekten auf.
Innerhalb von nur 12 Millionen Jahren entwickelten sich fast alle
lebenden (oder schon wieder ausgestorbenen) Säugetier-Ordnungen. In
ihrer Ernährung passten sich die verschiedenen Säugetierordnungen an
alles an, was ihnen vors Maul kam - vom Gras bis zum Grosstierfleisch.
(aus: "Die neue Geschichte von Adam und Eva",
Günter Haaf)
Bereits zu dieser Zeit und noch im Schatten der
Dinosaurier lebten am Boden die insektenfressenden Ur-Ur-Ahnen des
Menschen - die Stammväter der Primaten. Das waren eichhörnchenähnliche
Tiere, deren Nachfahren sich in einer ökologischen Nische, im
indonesischen Raum, bis auf den heutigen Tag erhalten haben. Die
Spitzhörnchen, mit dem zoologischen Namen Tupaia, sind
gleichsam lebende Modelle der Ur-Primaten.
Die kleinen Urprimaten wurden jedoch von den sich rasch
vermehrenden Nagetieren bald nach dem Aussterben der Dinosaurier, vor 65
Millionen Jahren, von ihren Futterplätzen am Boden verdrängt. Sie wichen
auf auf Bäume und Büsche. Dort durchliefen die Primaten in ihrem
luftigen Lebensraum eine harte Überlebensschule. Aus den Pfoten wurden
Greiffüsse und -hände, die Augen dominierten bald über die Nase und
wanderten von der Seite in die Gesichtsfront, wodurch räumliches Sehen
möglich wurde.
Die Anpassung an den neuen Lebensraum begünstigte aber
nicht nur die Entwicklung eines leistungsfähigen
Gehirns, das Augen und Hände koordinieren kann, sondern auch
eines Stoffwechsels, der an die Pflanzennahrung in den tropischen
Wäldern angepasst ist. Die Insektennahrung reichte bald nicht mehr aus,
als die Primaten sich in den Regenwäldern zu mehreren Familien,
Unterfamilien und Arten weiterentwickelten und auch körperlich größer
wurden. Pflanzliche Kost wurde für die Primaten
zur Lebensgrundlage. Das um so mehr, als sich im Miozän genannten
Erdzeitalter, das vor 25 Millionen Jahren begann, die früchtespendenden
Blütenpflanzen "stürmisch" entwickelten.
Möglicherweise haben die Primaten durch das Leben in den
früchtereichen Wipfeln der Ur-Wälder die Fähigkeit zur
Vitamin-C-Synthese verloren; denn dieses Vitamin war dort reichlich
vorhanden. Weshalb wir heute darauf angewiesen sind,
Vitamin C stets mit der Nahrung
aufzunehmen.
Es dürften sich die Hominiden, die menschenähnlichen
Primaten, während des Miozäns, also vor rund fünf Millionen Jahren,
überwiegend von Früchten ernährt haben.
Damals sind wir programmiert worden. Darauf geht unsere Anatomie und
unsere Physiologie zurück, die Enzyme von damals und den Verdauungstrakt
haben wir heute noch. So haben wir wie die Affen ein ausgesprochenes
Gebiss um Früchte abzubeißen und zu zerkauen. Wir haben kein
Raubtiergebiss mit Mahlzähnen.
Darüber hinaus ähnelt unser Darm mehr dem der
Pflanzenfresser als der Fleischfresser. Reine Pflanzenfresser wie Pferde
oder Giraffen, die sich nicht wie Affen zusätzlich zur vegetarischen
Kost Mäuse oder andere Kleintiere fangen, haben einen sehr langen Darm.
Bei den Wiederkäuern hat sich fieser lange Pflanzenfresserdarm sogar zu
verschiedenen Mägen ausgeweitet. Fleischfresser oder "Beutemacher",
wie die Katzentiere Löwe und Leopard, aber auch Hunde, haben hingegen
einen äußerst kurzen Darm.
Das Verhältnis von Darmlänge zu Körperlänge ist für
Pflanzenfresser größer als für Fleischfresser. Gemäß diesen Messungen
steht der Mensch genau in der Mitte, wie auch das Schwein. Das heißt wir
sind wie das Schwein Allesfresser.
Vermisst man jedoch den Menschen wie die Tiere, vom Kopf
bis zum Steiß, und nicht wie es fälschlicherweise in allen Lehrbüchern
steht, von Kopf bis Fuß, dann liegen wir bezüglich unserer Darmlänge
nicht in der Mitte zwischen Fleisch und Pflanzenfressern.
Zusätzlich weist ein Enzymdefekt auf unsere vegetarische
Vergangenheit hin. Es fehlt uns ein Enzym,
das reine Fleischfresser wie Hund und Katze besitzen - die Uricase.
Deshalb kann beim Menschen, bei überreichlicher und einseitiger
Fleischernährung Gicht
auftreten.
Denn bei der Fleischverdauung entstehende schwerlösliche Harnsäure wird
nicht wie bei den Fleischfressern in leicht lösliches Allantoin
umgewandelt. Somit kann es unter ungünstigen Bedingungen zur Ablagerung
von Harnsäurekristallen in den Gelenken kommen.
Trotz dieses Enzymmangels und seines vegetarischen Erbes
hat sich der Mensch auf dem Wege seiner Entwicklung an Fleischkost
angepasst - ja, anpassen müssen. Nahrungsmangel war treibende Kraft.
Klimaveränderungen zu Beginn des Pliozän bedingten einen
Rückgang der üppigen Regenwälder, in denen die Menschenaffen fast
konkurrenzlos von Früchten lebten. Savannen und Steppen entstanden. In
der Savannenlandschaft Ostafrikas - wo die Wiege der Menschheit stand -
überlebten nur die Menschenaffen, denen es gelang mit den neuen
Lebensbedingungen zurechtzukommen. Sie waren unsere Vorfahren. So wurden
vor rund vier Millionen Jahren
die
Karten unserer genetischen Ausstattung nochmals neu gemischt.
Klettern war nicht mehr gefragt. Das harte Leben in der
Savanne trainierte vielmehr den bei einigen Menschenaffen bereits im
Wald begonnenen aufrechten Gang. Damit konnte unser Ahnherr weiter übers
Gelände blicken als seine Vorfahren. Auch bekam er die Hände frei zum
Sammeln von Samen und zum Gebrauch von Steinen und Stöcken. Mit
solcherart verlängertem Arm ließ sich allerhand machen, etwa Raubtiere
von ihrer Beute vertreiben, aber auch Artgenossen erschlagen.
Durch die Erfindung dieser räuberischen Strategie gelang
es einem Stamm des frühzeitlichen Australopithecus seinen karg
gewordenen Speisezettel anzureichern - mit Fleisch von anderen Tieren
und von seinesgleichen.
Demgegenüber starb der mit vegetarischer Kost
weiterlebende Australopithecus-Ur-Mensch aus. Er verließ vor rund zwei
Millionen Jahren das Erdenrund wieder. Und der "allesfressende Raubaffe"
wurde zum Stammvater der Hominiden und letztlich des Menschen. Entgegen
landläufiger Meinung dürfen die frühen Hominiden noch keine Jäger
gewesen sein. Sie stibitzten vielmehr anderen Tieren die erlegte Beute,
die etwa von Leoparden in den Wipfeln der Bäume versteckt wurde. Auch
der Großwild jagende, heute ausgestorbenen Säbelzahntiger ließ im
Dickicht des Waldes Reste von Mammut oder Elefant bis zur nächsten
Mahlzeit liegen. Die war hier zwar sicher vor Hyänen und Schakalen, die
im offenen Gelände pirschen, nicht aber vor dem affenähnlichen
Homo.
Wie Funde aus der Olduwai-Schlucht in Ost-Afrika zeigen,
leistete sich der Steinwerkzeuge herstellende Homo habilis
vor zwei Millionen Jahren bereits ausgiebige
Fleischmahlzeiten. Er war offensichtlich, nach den reichlich
hinterlassenen Handäxten, Hammer- und Schabesteinen zu schließen, kein
Jäger, sondern eher ein Metzger. Mit dem Schabestein schabte er das
Fleisch von den Knochen und zerlegte Elefantenkadaver mit seinen
Steinwerkzeugen. Mit Hammer und Handaxt konnte er Röhrenknochen und
Schädeldecken der Tiere zertrümmert und gelangte so an das fettreiche
Knochenmark und das Gehirn. Somit fand Homo habilis auch in den
Savannen noch immer Nahrung, auch wenn Hyänen, Schakale oder Geier den
"Tisch" etwa eines Löwen bereits abgeräumt hatten.
Fleisch war offensichtlich auch für den nachfolgenden
Homo erectus, bei dessen Wohnstätten man
die ältesten Feuerstellen vor rund 350.000 Jahren
fand, ein wichtiges Nahrungsmittel. Darauf deutet auch die Lage der
Wohnplätze hin. Die befinden sich vor allem strategisch günstig gelegen,
in der Nähe weiter Flächen, auf denen Büffelherden, Pferde und Antilopen
grasten und Raubtiere ihre Beute schlugen. Mit der Jagt auf Grosstiere
aber dürfte Homo erectus, sowohl im europäischen Neandertal
als auch in Ost-Afrika, erst sehr spät begonnen haben - die Forscher
vermuten erst innerhalb der letzten 100.000
Jahre.
Welche Stellung tierische und pflanzliche Nahrung auf
den Speisezettel des Homo erectus hatte, ist schwer zu sagen.
Knochenreste bleiben lange erhalten im Boden, Pflanzenreste hingegen
weniger, so dass die Zahl der Knochenfunde von Tieren nicht
notwendigerweise die Dominanz der Fleischmahlzeit anzeigt. Bei
Werkzeugfunden wurden immer auch Kerne von Früchten sowie Nussschalen
entdeckt, jedoch noch keine Werkzeuge zur Bearbeitung pflanzlicher
Nahrung. Fischgräten fand man jedoch nie. Der Fisch dürfte demnach ein
recht junges Nahrungsmittel sein.
Cro-Magnon und der ausgestorbene Neandertaler
scheinen, wie die verbesserten Werkzeuge belegen, viel Fleisch verspeist
zu haben. Vor allem auch, weil die Population der Cro-Magnon-Menschen
noch klein war und demgegenüber die Zahl der um sie her lebenden Tiere
ausreichte, um den Nahrungsbedarf zu decken. Erst in jüngerer Zeit, kurz
bevor die Menschen die Landwirtschaft entwickelten, wurde Großwild
knapp. Die Ursachen dafür dürften sowohl in der Jagt sowie in einer
Klimaverschlechterung und dem Anwachsen der menschlichen Population
gelegen haben. Die Menschen mussten sich nun anderen Nahrungsquellen
zuwenden. Aus dieser Zeit stammen auch die ersten Funde von Fischresten
und Schalentieren, aber auch von Werkzeugen zur Pflanzenbearbeitung wie
Reibsteine, Mörser und Stößel.
Die Analyse der Spurenelemente in verschiedenen
Knochenfunden bestätigt die Vermutung, dass die Menschen zu mehr
pflanzlicher Nahrung übergegangen waren. Der Vergleich der
Spurenelement-Zusammensetzung in den Knochen zeigt, dass die Nahrung der
Menschen vor Beginn der Landwirtschaft ähnlich gewesen sein musste, wie
sie noch von heute lebenden Jäger-und-Sammler-Kulturen verzehrt wird.
Deren Knochen weisen ein ähnliches Verhältnis der Spurenelemente auf,
wie die Knochen ihrer steinzeitlichen Vorgänger.
Mit der Landwirtschaft
änderte sich die Ernährung des Menschen grundlegend. Der hohe
Fleischanteil der Nahrung, wie er einige Millionen Jahre üblich
gewesen ist, sank auf rund zehn Prozent. Pflanzen machten nun den
Hauptteil der Nahrung aus Diese einschneidende Veränderung hatte
Auswirkungen auf den Körperbau.
Homo sapiens sapiens, der sich
vor 30.000 Jahren noch reichlich von Fleisch ernähren konnte,
war 15 Zentimeter größer als die späteren Menschen der
landwirtschaftlichen Frühzeit.
Auch in der Neuen Welt verlief die Entwicklung ähnlich.
Die steinzeitlichen Indianer, die sich vor 10.000 Jahren von Großwild
ernährten, waren beachtlich größer als die sich von der
Landwirtschaftlich ernährenden Indianer jener Periode, kurz bevor die
Spanier eintrafen. In den indianischen Skelettfunden aus jener Epoche
erkennen Forscher Zeichen schlechter Eiweißversorgung sowie Schäden
durch wiederholte Infektionen, wie sie bei einer
Eiweiß-Mangelernährung
auftreten.
Heute erst sind wir in der westlichen Welt wieder fast
so groß wie der Cro-Magnon-Mensch, seit sich die Eiweißversorgung sowohl
der Amerikaner als auch der Europäer durch die industrielle Revolution
verbesserte.
Das wir heute
Wohlstandskrankheiten leiden, liegt nicht am Fleisch an sich, wie viele
glauben. Vielmehr liegt es an dessen Beschaffenheit gegenüber dem
"Steinzeitfleisch" und an der Zusammensetzung unserer Nahrung,
die nicht mehr dem genetischen Programm unseres Stoffwechsel entspricht.
Und last but not least liegt es an der mangelnden
Bewegung, wodurch unser Stoffwechsel nicht optimal auf Touren kommen
kann. Er "verrußt" wie ein Rennwagen im modernen
Stadtverkehr.
Doch das ist eine andere Geschichte. Bleiben wir bei der
Ernährung.
Weil das archaische Fleisch anders zusammengesetzt war
als unser Fleisch heute, kommt es in den Industrieländern zu Mangel,
obwohl Überfluss herrscht. Wodurch dieser Mangel entsteht, zeigen
vergleichende Untersuchungen an heute noch lebende
Jäger-und-Sammler-Kulturen.
Mehr als 50 solcher Kulturen sind bis heute erschöpfend
erforscht worden, so dass ein Nahrungsgrundmuster für sie ermittelt
werden konnte. Menschenkundler (Anthropologen) an der Medizin-Schule der
Emory Universität in Atlanta/USA haben fünf überlebende
Jäger-Sammler-Kulturen studiert - die westafrikanischen !Kung und #Kade
sowie die San-Buschmänner der Kalahari und die Hadza in Tansania, die
beide nicht nur nicht jagen, sondern wie in archaischen Zeiten die Beute
von Raubtieren stehlen oder deren Tischreste verzehren und
die philippinischen Tasaday, die erst durch Kontakt mit der westlichen
Zivilisation zu guten Jäger wurden.
Diese Kulturen leben ähnlich ihren steinzeitlichen
Vorgängern in halbtropischen Gegenden. Ihre Nahrung besteht je nach
Gegend zu 20 bis 80 Prozent aus pflanzlichen und zu 20 bis 80
Prozent aus tierischen Quellen. Damit haben sie in ihrer Ernährung
grundlegende Gemeinsamkeiten mit unseren steinzeitlichen Ahnen. Sie
ernähren sich noch immer, wie vor vier Millionen Jahren,
von Wildtieren und von nichtkultivierten
Wildpflanzen. Die
Nährstoffzusammensetzung dieser Nahrungsmittel kann uns somit eine Basis
für die artgerechte menschliche Ernährung liefern.
Dass artgerechte Nahrung nicht krank macht,
zeigen die Vergleiche mit den Urvölkern. Bei denen kommen unsere
chronischen Krankheiten kaum vor, selbst dann nicht, wenn die Menschen
60 Jahre und älter werden. Es liegt also auch nicht am langen Leben,
dass bei uns heute Alter fast gleichbedeutend ist mit Siechtum. Denn
bereits junge Menschen in den westlichen Industrienationen weisen
Symptome chronischer Krankheiten auf - wie hohen Blutdruck,
Arteriosklerose, Gallensteine und Zuckerkrankheit. Die Jugendlichen der
Jäger-und-Sammler zeigen all diese Krankheitsbilder nicht.
Haupt-Fleischlieferanten sind vor allem
pflanzenfressende Tiere, die in den weiten Savannen Afrikas grasen, wie
etwa Büffel, Zebras, Antilopen. Deren Fleisch unterscheidet sich in
seiner Nährstoffqualität
grundlegend
von dem, das wir in unseren Supermärkten kaufen. Das Fleisch von
Schlachttieren enthält sehr viel mehr Fett als Wildfleisch. Denn
Haustiere sind zum einen auf zartes - und damit fetthaltiges - Fleisch
gezüchtet worden. Zum anderen bedingen die Bewegungsarmut und die
regelmäßige Fütterung der Haustiere reichlich Fettansatz, wie er bei
Wildtieren nicht vorkommt. So weisen die wildlebenden Pflanzenfresser
der afrikanischen Savanne, von 15 verschiedene Arten untersucht wurden,
im Schlachtkörper knappe vier Prozent Fett auf. Unser Schlachtvieh
hingegen enthält 30 und mehr Prozent Fett.
Mehr noch. Auch die
Fettzusammensetzung ist anders.
Wildbret enthält pro Gramm Fett fünfmal so viel mehrfach ungesättigte
Fettsäuren wie unser Schlachtvieh. Darüber hinaus enthält das
Wildtier-Fett eine beachtliche Menge der so wichtigen
Eicosapentaensäure, einer Omega-3-Fettsäure, die im Stoffwechsel
wichtige Aufgaben erfüllt und dabei der Entstehung der Arteriosklerose
vorbeugt. In heimischen Rindfleisch findet man davon nur mehr kaum
nachweisbare Spuren. Der Cholesteringehalt von Wildfleisch dagegen
unterscheidet sich - das haben die Forscher an 25 Wildtierarten
untersucht - kaum von unserem Haustierfleisch. Unsere steinzeitlichen
Ahnen aßen also weniger Fett als wir, aber genauso viel Cholesterin.
Das Fleisch moderner Schlachttiere enthält 75 Milligramm
Cholesterin pro 100 Gramm. Da auch das Fleisch von Wildtieren etwa
diesen Cholesteringehalt aufweist, hat sich unser Stoffwechsel an eine
reichliche Cholesterinzufuhr angepasst. Der von den Forschern
abgeschätzte Fleischverzehr betrug rund 800 Gramm am Tag. Darin waren
somit 600 Milligramm Cholesterin enthalten. Das ist doppelt so viel, wie
uns heute die Ernährungsexperten zubilligen. Aber weil der
Cro-Magnon-Mensch weniger
Fett verzehrte, musste sein Körper weniger eigenes Cholesterin
produzieren. Außerdem hatte das wenige Fett, das er aß, eine nach
neuesten Erkenntnissen der Ernährungswissenschaft optimale
Zusammensetzung!
Das Fett afrikanischer Wildtiere enthält
30 Prozent mehrfach ungesättigte Fettsäuren,
32 Prozent einfach ungesättigte Fettsäuren und 38 Prozent gesättigte
Fettsäuren. Das ist ziemlich genau die Zusammensetzung des
Nahrungsfetts, wie sie von Fettstoffwechsel-Experten für eine sinnvolle
menschliche Ernährung vorgeschlagen wird. Wenn man das pflanzliche Fett
hinzurechnet, so ergibt sich für die Fettsäure-Zusammensetzung der
steinzeitlichen Nahrung folgendes Verhältnis: 36 Prozent mehrfach und 40
Prozent einfach ungesättigte Fettsäuren stehen 24 Prozent gesättigten
Fettsäuren gegenüber. Mehrfach ungesättigte Fettsäuren machten also ein
Drittel aus, wohingegen einfach ungesättigte und gesättigte Fettsäuren
gemeinsam zwei Drittel ergeben. In unserer heutigen Ernährung dagegen
dominieren die gesättigten Fettsäuren.
Die reichliche Cholesterinzufuhr dürfte für den
Steinzeit-Menschen auch deshalb wenig geschadet haben, weil diese
weiterhin viel Pflanzliches aßen. Damit verzehrten sie - gemäss der
Abschätzung durch die Forscher - täglich 45 Gramm Ballaststoffe, mehr
als doppelt soviel wie wir.
Heutige Jäger-und-Sammler essen viele verschiedene
Wildpflanzen und davon wieder verschiedene Teile - vor allem
Wurzeln, Knollen, Bohnen, Nüsse und Früchte,
von manchen Pflanzen auch die Blüten.
Damit nehmen sie viele Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente zu
sich.
Wir nutzen von dieser Vielfalt - auf der Erde
gibt es rund 250.000 verschiedene Arten von Blütenpflanzen - nur noch
einen Bruchteil. Etwa 3000 meist Samen, Knollen oder Früchte spendende
Arten hat der Mensch im Laufe seiner Geschichte genutzt. Nur etwa 150
davon spielen heute eine kommerzielle Rolle. Und allein die vier
wichtigsten Nahrungspflanzen Weizen, Reis, Mais und Kartoffeln liefern
etwa die Hälfte der Welternte. Die moderne Landwirtschaft und
Gärtnerei baut nur an, was sich wirtschaftlich und somit rentabel
produzieren lässt. Getreide, das
erst mit dem Beginn der Landwirtschaft zur Hauptnahrungsquelle der
Menschen aufstieg, wurde von den Jägern-und-Sammlern kaum verzehrt.
Die aßen dagegen an Vitamin C
reiche Früchte und Knollen und verzehrten damit am Tag rund 400
Milligramm von diesem Vitamin. Das übersteigt allen Empfehlungen der
Deutschen Gesellschaft für Ernährung um das Vielfache. Auch von
Nährstoffen wie Eisen, Vitamin B12 und Folsäure, die weltweit
zu den kritischen Nährstoffen gehören, dürften nach der Berechnung der
Forscher unsere steinzeitliche Ahnen mehr bekommen haben als wir. Heute
leiden nicht nur die Menschen in den Entwicklungsländern daran Mangel,
sondern ganze Bevölkerungsgruppen auch bei uns - vor allem junge Frauen
und alte Männer.
Auch der Kalziumgehalt
der archaischen Nahrung übertrifft weit die Empfehlungen der
Ernährungsexperten, obwohl das Milchtrinken dazumal noch nicht üblich
war. Cro-Magnon-Menschen mit ihren kräftigen Knochen verzehrten pro Tag
rund 1600 Milligramm Kalzium. Viele
Menschen nehmen heutzutage nicht einmal die Hälfte davon zu sich. Die
Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat 1992 ihre Empfehlung für eine
ausreichende Kalziumversorgung von 800 Milligramm am Tag auf 1000
Milligramm erhöht.
Und der Natriumverzehr unserer Ahnen lag bei rund 700
Milligramm Natrium (Salz), weniger
als ein Gramm, am Tag. Damit betrug die Kalium-Natrium-Bilanz in der
Programmierungsphase unseres Stoffwechsels 16 zu eins. Heute hingegen
verzehren wir mit unseren steinzeitlichen Ahnen 48mal mehr Natrium als
Kalium.
Die meisten vorindustriellen Gesellschaften, davon sind
die Jäger-und-Sammler Kulturen nicht ausgenommen, haben und hatten unter
jahreszeitlich bedingter Nahrungsknappheit - also unter Hunger zu
leiden. Diese unfreiwillige Null-Diät steigerte sich alle
paar Jahre auch zu verheerenden Hungersnöten.
Obwohl unsere steinzeitlichen Ahnen sicher weniger unter
Nahrungsmangel zu leiden hatten als heutige Jäger und Sammler, denn
Wildtiere und Wildpflanzen waren zu jener Zeit noch reichlicher
vorhanden, haben sie doch hin und wieder Engpässe in der
Nahrungsbeschaffung gehabt. Die Fähigkeit viel
essen zu können, wenn Nahrung vorhanden ist, und die rasche Umwandlung
von überschüssigen Kalorien in Fettgewebe, dürfte, so vermuten
die Forscher, in dieser Zeit genetisch programmiert worden sein.
Dicke waren überlegen.
Die Phasen der Mangelversorgung mögen aber auch dazu
geführt haben, dass die Menschen andere Nahrungsmittel für sich entdeckt
haben. Etwa das Getreide, das sich lange lagern lässt. Das daraus
gebackene Brot ist wiederum eine
Lagerform, nämlich des bereits aufgeschlossenen und verzehrfähigen
Getreides, wie es im Getreidebrei vorliegt.
Milch, anfangs von der Ziege und Schaf, kam hinzu und wurde
durch Käsen haltbar gemacht.
Was wir heute zu unseren Grundnahrungsmitteln zählen,
Brot, Wurst und Käse, sind
Lagerformen von Lebensmitteln, die der Mensch erst innerhalb der letzten
10.000 Jahre erfunden hat, um auch in mageren Zeiten etwas zum Beißen zu
haben.
Das Haltbarmachen von Lebensmitteln begann mit der
Landwirtschaft und wurde durch die Industrialisierung perfektioniert.
Entwicklungen, die mit der Zunahme der Bevölkerung, Verstädterung und
außerhäuslichen Berufsarbeit der Frauen einhergingen, schrieen geradezu
nach lagerfähigen und transportierbaren Nahrungsmitteln.
Doch innerhalb der letzten hundert Jahre hat dieser
Trend ein Ausmaß erreicht, das uns schadet. Die sinnvolle Erfindung,
Nahrungsmittel vor dem Verderb zu schützen und haltbar zu machen, wurde
schließlich in unserem postmodernen Jahrhundert pervertiert.
Haltbarmachen ist zum Selbstzweck geworden, damit
Food (so der Industriebegriff für
Nahrungsmittel) wie Non-Food-Konsumartikel
- also wie Socken oder Waschmittel - transportiert und verkauft werden
können.
Durch unseren Hang zur Bequemlichkeit heizen wir diese
Entwicklung selbst an. Denn da wir es uns finanziell leisten können,
greifen wir aus der Angebotsfülle nicht etwa nach frischen
Lebensmitteln, die noch bearbeitet werden müssen. Nicht einmal nach
Frischfleisch greift der Wohlstandsbürger, sondern nach Wurst und Käse,
was die winzig gewordenen Frischfleisch-Theken neben den gigantische
Ausmaße erreichenden Wurst- und Käsetheken in den Supermärkten
demonstrieren. Wir stillen unseren Hunger vorrangig mit Halb- und
Vollkonserven, also mit den rasch und problemlos zu verzehrenden
Lagerprodukten der Industrie.
Dinge, die unser Großvater der Familie aus dem
Delikatessladen mitbrachte, wenn es Anlass zum Feiern gab, sind heute
unsere tägliche Nahrung geworden. Damit haben wir uns sehr weit von der
artgerechten Ernährung des Menschen entfernt. Wohlstandskrankheiten
sind der Preis dafür.
Denen können wir
entgehen, wenn wir uns gemäß unserem genetischen Programm ernähren und
unserem Körper das geben, für das sein Stoffwechsel eingerichtet ist.
Unsere frühe Vergangenheit ist vegetarisch, doch die Schlussfolgerung
daraus ist nicht, dass wir alle Vegetarier werden müssen. Sondern wir
sollten uns daran erinnern, dass es so ist und uns in unserer Ernährung
darauf einstellen.
Die Nahrung, die sich dem entwickelten Menschen bot, war
- geographisch und saisonal - äußerst vielfältig - sie reichte von
Früchten, Nüssen und Blättern über Insekten und Kleintiere zum
Säugetierfleisch. Demzufolge war derjenige am besten angepasst und
konnte am schnellsten Nachkommen aufziehen und damit überleben, der die
verschiedenartigen Nahrungsquellen, gut auszunutzen vermochte. So
entwickelte sich der Mensch wie die meisten Primaten zu einem
Allesfresser. Die natürliche Selektion hat uns also mit einer
großen Anpassungsfähigkeit ausgestattet, wenn wir bedenken, dass es
andere Säugetiere gibt, wie zum Beispiel Pferde oder Hasen, die
ausschließlich Pflanzen vertragen oder das ebenfalls zu den Primaten
gehörende Fingertier, das bis heute bei Insektennahrung beblieben ist.
Unsere große
Anpassungsfähigkeit aber reichte für das vergangene 20. Jahrhundert
nicht aus. Nahrung, die den meisten Menschen gut schmecken, die ungiftig
und hygienisch einwandfrei ist, verursacht dennoch Krankheiten, von
denen immer mehr Menschen erfasst werden.

Weil es in den Jahrmillionen
unserer genetischen Programmierung nie Zeiten gab mit einem Überangebot
an Fett, Zucker, und Kochsalz und weil nie Nahrungsmittel wuchsen, die
frei von Ballaststoffen und arm an Vitaminen, Mineralstoffen und
Spurenelementen waren, wurde kein Mensch selektiert - auch nicht in
einer äußersten Winkel unseres Erdballs -, der mit einer solchen Nahrung
zu leben gelernt hätte. Die Aussichten, dass sich der Mensch in der
fortschreitenden Evolution an die fett-, salz- und zuckerreiche sowie
ballaststoff- und vitaminarme Industrienahrung anpasst, stehen schlecht.
Damit eine genetische
Anpassung an neue Ernährungsbedingungen stattfinden kann, müsste
sich die veränderte Nahrung negativ auf die Zahl der Nachkommen
auswirken, das heißt, diejenigen, die diese veränderte Nahrung nicht
vertragen, hinterlassen weniger Nachkommen als diejenigen, die die
veränderte Nahrung vertragen. Da jedoch die chronischen Krankheiten vor
allem alte Menschen befallen, die jenseits ihrer reproduktiven
Lebensphase stehen, kann eine genetische Anpassung an die
Industrienahrung nicht stattfinden.
Außerdem ändert sich die
Genetik des Menschen extrem langsam, stellten die Forscher fest. Seit
dem Auftreten des Menschen - also der Gattung Homo
- vor zwei Millionen Jahren bis zum Erscheinen des eigentlichen
Menschen, des Homo sapiens sapiens vor rund 40.000 Jahren hatte
nur einen minimalen Einfluss auf unsere Gene.
