
Die Superstoffe
Mit Ende des 20. Jahrhunderts hat eine neue Ära der
Vitaminforschung begonnen.
Die Mediziner entdecken Vitamine als vorbeugende Mittel gegen Krebs,
als Schutz vor einen Schlaganfall und als Therapie nicht mehr nur bei
Allerweltsbeschwerden, sondern, wie am Beispiel des Vitamin E
feststellbar, auch als Schutz vor einem Herzinfarkt. Selbst den
geistigen Abbau im Alter können Vitamine möglicherweise verlangsamen,
wie bei einer Studie mit über 300 Alzheimerpatienten festgestellt wurde.
Galt früher noch ein Apfel pro Tag als ausreichend, so empfiehlt das
amerikanische National Cancer Institut heute fünf Portionen Obst und
Gemüse pro Tag. Mit diesen Mengen könne man sich optimal schützen. Auch
die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) wird mit neuen
Empfehlungen für die tägliche Vitaminaufnahme an die Öffentlichkeit
treten. Dabei werden deutlich höhere Dosierungen als bisher empfohlen.
Gemüse oder Pillen?
Die vom National Cancer Institute in den USA empfohlenen fünf
Portionen Obst und Gemüse täglich sind realistischerweise nicht einmal
für Gesundheitsfanatiker zu schaffen. Dies hat unter anderem zum
amerikanischen Vitaminpillenwahn, der "Vitaminomanie", als
neuer Gesundheitshysterie geführt.
Dort gibt es Vitamine für den Mann, Vitamine für den pubertierenden
Mann, Vitamine für die Frau, Vitamine für den Sportler, Vitamine als
Brainfood, Vitamine gegen Stress, Vitamine für die Potenz, Vitamine für
und gegen alles. Dabei werden aber eine Reihe von wesentlichen Fragen
nicht berücksichtigt:
1. Einzelne Vitamine können genauso wie Medikamente überdosiert werden.
Niedrige Vitaminspiegel im Blutplasma werden landläufig als Mangel
interpretiert, obwohl eine ganz andere Erklärung genauso sinnvoll ist.
Jeder Organismus ist stets bestrebt, trotz sich verändernder
Umweltbedingungen ein stabiles inneres Milieu aufrechtzuerhalten. Diesen
Prozess nennt man Homöostase. Gewöhnlich reguliert der Körper die
Blutspiegel durch Erhöhung oder Verminderung von Aufnahme und
Ausscheidung. Deshalb erlauben Vitamin- und Cholesterinspiegel im Blut
in aller Regel keinen Rückschluss auf die „Versorgung“. Viel
wichtiger ist die Frage, warum der Körper in bestimmten Fällen einen
niedrigen oder hohen Wert eingestellt hat.
Oft ist der Grad zwischen Schaden und Nutzen nicht sehr breit. So
konnte in Schweden bei einer Untersuchung an Frauen
nachgewiesen werden, dass sich bei einer überdosierten täglichen
Einnahme von Vitamin A das Risiko einer Hüftfraktur deutlich erhöhte.
Ein weiteres Beispiel: In einer in Finnland durchgeführten Studie mit
29.000 männlichen Rauchern wiesen diejenigen, die über sechs Jahre eine
hohe Dosis ß-Karotin erhalten hatten, ein 18 Prozent höheres
Vorkommen von Lungenkrebs auf. In derselben Studie erlitten
diejenigen, denen man hohe Dosen von Vitamin E gegeben hatte, vermehrt
Schlaganfälle.
Aufschlussreiche Beispiele geben Vitamin B2
(Riboflavin) und Folsäure ab, die besonders in Malariagebieten
„Mangelware“ sind. In bester Absicht verabreichten Ärzte den
Menschen die „fehlenden“ Vitamine – und mussten zu ihrem Entsetzen
feststellen, dass sie daraufhin wesentlich mehr Malariapatienten zu
behandeln hatten! Beide Vitamine werden für die Vermehrung der
Malariaerreger im Blut gebraucht, und deshalb profitieren diese
zuallererst von den Vitaminpillen. Der „Mangel“ hatte
offensichtlich den biologischen Sinn, die Parasiten klein zu halten und
wurde vom Körper gezielt herbeigeführt. Da manche Medikamente zur
Malariaprophylaxe ebenfalls über eine Senkung der Vitaminspiegel wirken,
können Vitamingaben zur Verhinderung eines vermeintlichen Mangels
ungewollt gefährliche Krankheiten fördern. Deshalb können unter
bestimmten Vorraussetzungen auch
wasserlösliche Vitamine überdosiert werden.
2. Besteht ein Unterschied zwischen natürlichen und synthetischen
Vitaminen?
Prinzipiell nein. Synthetische Vitamine sind rein und ihre chemische
Struktur mit jenen in der Nahrung vorkommenden identisch. Und doch
berichten Ernährungsforscher, dass die meisten Vitamine nur in
Kombination mit anderen gut wirken und vor allem, dass der Körper
Vitamine aus Nahrungsmitteln, etwa aus Obst und Gemüse, trotz der
identischen chemischen Struktur anders verarbeitet als
die künstlichen Kopien. Neueste Studien der Universität von Michigan
bestätigen, dass Vitamin E positiv in den Cholesterinstoffwechsel
eingreift, allerdings nur, wenn es über die Nahrung aufgenommen wird.
Nach Einnahme von Vitaminpillen zeigte sich dieser Effekt nicht.
Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass das heißeste Thema derzeit
in der Ernährungswissenschaft Bioverfügbarkeit heißt.
Kombination von Nahrungsmitteln, Chemikalien Bearbeitungstechniken in
der Nahrungsmittelindustrie und manches mehr beeinflussen die
Verfügbarkeit der Nährstoffe für unseren Stoffwechsel, vor allem der
Mikronährstoffe, zu denen die Vitamine, Mineralien und Spurenelemente
gehören.
Die Fragen nach der Bioverfügbarkeit von Nahrungs-Inhaltsstoffen wird
um so dringlicher, je mehr wir an den Nahrungsmitteln manipulieren,
etwa Vitamine und Spurenelemente nachträglich zusetzen, weil sie bei der
technischen Bearbeitung der Lebensmittel verloren gegangen sind. Die
Interaktionen von reinen Spurenelementen oder Vitaminen, die nicht
eingebetet sind in Zellstrukturen, etwa mit anderen
Nahrungsbestandteilen, ist noch nicht ausreichend erforscht.
Deshalb ist die Aufnahme von Vitaminen, Mineralstoffen und
Spurenelementen, selbst der ungesättigten Fettsäuren im natürlichen
Verbund der Nahrungsmittel, wie Gemüse, Obst, Nüssen, Öl und
Hülsenfrüchten immer der Einnahme durch Pillen, Kapseln oder Tabletten
überlegen.
In diesem Zusammenhang erfreuen sich, neuere Nahrungsergänzung, die
aus Obst und Gemüse, mit Hilfe eines Gefriertrocknungsverfahren gewonnen
werden, zunehmender Beliebtheit. Der Vorteil liegt auf der Hand, alle
der von Natur aus, in der Pflanze vorkommenden Wirkstoffe, incl. derer,
deren Bedeutung wir bis heute noch nicht kennen, sind in solchen
Extrakten enthalten. Noch hat der Mensch den Baumeister Natur nicht
übertroffen.
Es ist derzeit noch nicht möglich, ein spezielles Vitamin oder auch
ein Mineralstoff als Krebsschutzfaktor zu identifizieren. Die Natur
verpackt normalerweise nicht eine einzelne Substanz in ein
Nahrungsmittel, sondern immer gleichzeitig mehrere Wirkstoffe.
Entscheidender ist die richtige Kombination der verschiedenen Vitamine
und deren Einfluss auf die Hormonproduktion, im besonderen auf die Eicosanoide.
Antioxidanzien: Wie viel ist
angemessen?
